Monthly Archives: Oktober 2011

Japan-Tournee: Doppelkopf

Bei solch einer Tournee gilt es, eine Menge Zeit unterwegs zu überbrücken. 62 Stunden verbringen wir während dieser Tournee allein auf Reisen, hat mir gestern der Cellist Mathias Donderer gesagt. Immer mit denselben Leuten. Was liegt also näher, als die Zeit mit Doppelkopf zu vertreiben? Hier sieht man vier Streicher (allesamt zweite Geigen) auf der Rückfahrt vom Konzert in Fuji; als Tisch zum Ablegen der Karten dient im Notfall eine Musikerhand. Oder: man spielt Schach. Das geht natürlich auch unterwegs.

Martin Oetting

Japan-Tournee: Video vom Solidaritätskonzert in Natori

Während unserer Reise nach Natori habe ich mich hier auf dem Blog bemüht, die Fahrt dorthin und unser Erlebnis “live” mit Texten und Bildern zu dokumentieren. Filme lassen sich nicht ganz so leicht parallel mit dem Geschehen erzeugen, da sie (fast) immer geschnitten werden müssen. Gestern ist es mir aber gelungen, einen kleinen Zusammenschnitt der Reise und des Konzerts zu erstellen, der die Reise vielleicht ein wenig nachempfinden lässt.

Martin Oetting

Japan-Tournee: Abstecher nach Niigata

Heute sind wir mit Bus, Zug und Bus nach Niigata gefahren – eine Stadt, die ziemlich genau im Norden Tokyos an der westlichen Küste des Landes liegt. Nach dem Einchecken ins Hotel haben wir alle auf der Suche nach einem Mittagessen in verschiedene Himmelsrichtungen die Stadt unsicher gemacht. Kurz nach fünf ging es dann für die Musiker zum Niigata Ryutopia Performing Arts Center, wo um 18 Uhr die Anspielprobe und um 19 Uhr das Konzert stattfand. Das Programm bestand wieder aus Beethoven (Leonoren-Overtüre), Mozart (Klavierkonzert Nr. 23) und Tschaikowski (Symphonie Nr. 5). Dieses Programm wird auf der Tournee insgesamt sieben Mal gespielt; das zweite Programm, das morgen in Nagaoka wieder dran ist, kommt insgesamt fünf Mal dran.

Ich bin im Hotel geblieben und habe bis jetzt am Schnitt meines Films zu unserem Konzert in Natori gearbeitet (es ist mittlerweile nach 1 Uhr morgens … beim Schneiden kann man viel Zeit mit Details verbringen). Ich hoffe, dass ich ihn morgen hier veröffentlichen kann. Inzwischen hat außerdem Udo Badelt vom Tagesspiegel, der die Reise ebenfalls begleitet hat, einen ersten Artikel bei der Deutschen Welle über das Konzert in Natori veröffentlicht.

Japan-Tournee: Freier Tag in Tokyo, Fernsehbilder bei 3sat

Heute war für alle ein freier Tag. Manche haben es ruhig angehen lassen, ein wenig gelesen, oder erst einmal einfach ausgeschlafen, um dann durch die Stadt zu bummeln. Andere hatten deutlich ambitioniertere Pläne – die Besteigung des Fujiyama stand bei einigen auf dem Programm. Und natürlich haben viele auch einen Teil des Tages darauf verwendet, weiter zu üben, um “drin” zu bleiben und keinen Tag ohne aktive Arbeit mit der Musik verstreichen zu lassen.

Im Mori Art Museum gibt es derzeit eine sehr interessante Ausstellung zur Entwicklung einer Architektur-Schule, die für Japan und auch andere Regionen der Welt heute sehr prägend ist – gerade dann, wenn es um große, prägende urbane Architektur geht: die “Metabolism” Schule. Im 53. Stock des Mori Tower untergebracht, war sie ein weiterer Weg, diesen Tag auf interessante Weise zu verbringen. Zumal es im Stockwerk darunter noch die Möglichkeit gab, einen Rundgang mit einem einmaligen Blick über die gesamte Stadt zu genießen. Wir hatten Glück und konnten in der Ferne sogar den Fujiyama sehen (um womöglich die oben erwähnten Kollegen drauf zu erkennen, reichte die Sicht allerdings nicht …). Die Fotos unter dem Text vermitteln einen kleinen Eindruck. Die Spinnen-Skulptur steht vor dem Mori Tower, heißt “Maman” (es gibt mehrere davon weltweit) und stammt von der kürzlich verstorbenen Künstlerin Louise Bougeois. Alle “Luftaufnahmen” sind innerhalb einer guten halben Stunde oben aus dem Mori Tower gemacht – man sieht daran, wie schnell es hier dunkel wird.

Hinweisen möchte ich auf jeden Fall auch auf die Filme über die Tournee, die es seit einigen Stunden auf der 3sat-Kulturzeit-Internetseite zu sehen gibt. Der Fernsehredakteur Stefan Braunshausen ist als Redakteur, Kameramann, Tonmann und Cutter in einer Person sozusagen als “1-Mann-Fernsehteam” hier ebenfalls mit dabei; er hat schon in Berlin begonnen, verschiedene Musiker des Orchesters bei ihren Abreisevorbereitungen und dann hier unterwegs zu interviewen und zu filmen. Seine Beiträge werden bei 3sat und beim ZDF Kultursender laufen, und erste Kurzfassungen seiner Filme, die er hier unterwegs und zwischendrin schon geschnitten hat, kann man bereits jetzt auf dem Kulturzeit-Blog sehen. Sehr empfehlenswert!

Martin Oetting

Japan-Tournee: Rückkehr aus Natori

Es ist halb elf am Abend, wir sind vor wenigen Minuten wieder am Hotel in Tokyo angekommen – nach einem bewegenden Tag.

Die Reise nach Natori mit Zwischenhalt im Bahnhof Fukushima und mit dem Wissen um das, was hier in der Gegend vor wenigen Monaten passiert ist, hatte uns auf das Konzert in Natori eingestimmt. Vor Ort haben wir dann ein zwar äußerlich unversehrt erscheinendes Gebäude, das Veranstaltungszentrum Natori Shimin Kaikan, betreten. Im Inneren konnten wir aber sehen, dass das Haus unter den Erschütterungen des Erdbebens gelitten hatte. Mit rotem Klebeband war der Putz, der durch die Bewegungen gerissen ist, an den Wänden in einem Treppenhaus markiert (oder notdürftig geflickt, siehe eines der Fotos unten). Noch bis zum 4. Juni hatten Menschen aus der Region das Gebäude als Notunterkunft verwenden müssen. Von drei Sälen im Haus sind die beiden größeren durch die Erdbebenschäden nicht nutzbar, im dritten – dem kleinsten – hat sich das Ensemble des DSO dann auf das Konzert vorbereitet.

Nachdem es bei den Vorbereitungen noch ein paar Schreckmomente gab – der Transporter mit Noten und einigen Instrumenten kam zu spät – wurde doch alles rechtzeitig fertig, um 15:30 Uhr begann der Einlass.

Die 25 Streicher haben um 16 Uhr zunächst von Mozart “Eine kleine Nachtmusik” sowie von Mendelssohn die Streichersymphonie Nr. 10 gespielt. Danach wies Orchestervorstand Michael Mücke in einer kurzen Ansprache darauf hin, dass es nach langen Jahren der Gastfreundschaft der Japaner, die das DSO immer wieder habe genießen können, nun eine Herzensangelegenheit sei, auch in schwerer Zeit zu kommen und zu spielen: “Jedes Konzert der Tournee ist für uns wichtig, dieses jedoch von ganz besonderer Bedeutung.” Für die Streicherserenade von Tschaikowski und für Bachs “Air” wurden sie dann vom Dirigenten dieser Tournee, Yutaka Sado, geleitet. Er war ebenfalls nach Natori gereist und hat dem Publikum zunächst in einer sehr persönlichen Ansprache berichtet, wie sehr ihn die Zerstörung in Natori mitgenommen hat; außerdem hat er dem Orchester sehr dafür gedankt, auf eigene Initiative in dieser weiterhin schweren Zeit hierher gekommen zu sein.

Nach dem Konzert konnte man den Musikern ansehen, wie bewegt sie von dem Erlebnis waren. Einige erzählten mir, dass sie Zuhörer in den ersten Reihen vor Rührung und Bewegung haben weinen sehen. Auch der Bürgermeister der Stadt, Isoo Sasaki, zeigte sich sehr bewegt vom Konzert und erklärte: “Wir können gar nicht dankbar genug dafür sein, dass Sie in diese Stadt gekommen sind und uns Hoffnung spenden.”

Für ein paar Impressionen von dem Tag kann ich einen Blick auf die folgenden Fotos empfehlen. [Nachtrag: mittlerweile gibt es auch ein Video zu der Reise und dem Konzert.]

Martin Oetting

Japan-Tournee: Ankunft in Natori

Nachdem im Orchester bekannt geworden war, dass das in Sendai geplante Konzert ausfallen musste, weil der Saal dort wegen des Erdbebens nicht bespielbar ist, haben zwei Musiker angeregt, dort in der Gegend als Zeichen der Solidarität an einem der freien Tage ein Konzert für die Bewohner der betroffenen Region zu geben. In einem früheren Blogpost hatte ich von einer Probe dafür schon ein paar Fotos gezeigt.

Heute ist der Tag des Konzerts. Wir sind mit rund 30 Leuten aus Tokio aufgebrochen – zunächst mit dem Bus zur Tokio Station und von dort mit dem Zug weiter Richtung Norden. Der Zug fuhr auf dem Weg auch durch die Stadt Fukushima – sie liegt ein ganzes Stück vom Atomkraftwerk entfernt. In Sendai ging es mit dem Bus weiter, in das rund 8 km vom Meer entfernte Natori. Der Reisebus fuhr einen kleinen Umweg, um uns einige der noch heute sichtbaren Zeichen der Zerstörung zu zeigen. Wir könnten leergefegte Fundamente sehen, wo zu Beginn des Jahres noch Häuser gestanden haben – nur die Fundamente waren übrig. Es lagen Boote direkt am Straßenrand, traurige Zeichen der großen Macht, mit der das Wasser kilometerweit ins Inland vorgestoßen ist. Und viele Autowracks lagen längs der Straße und teilweise auch mitten auf Feldern weitab der Straße. Besonders eindrücklich sind in Japan die große Effizienz und Gewissenhaftigkeit, mit der die Menschen hier ihre Arbeit verrichten. Dass es bis heute nicht gelungen ist, manche Zeichen der Zerstörung zu beseitigen, ist grade vor diesem Hintergrund und in diesem Land ein deutliches Zeichen dafür, wie groß die Verwüstung gewesen ist.

Mittlerweile sind wir im Natori Performing Arts Center angekommen. Die Musiker haben damit begonnen, sich warm zu spielen.

Martin Oetting

Japan-Tournee: Shamisen-Spieler entdeckt

Bei der Anreise zum Konzert (bzw. für den Aufbau schon am Nachmittag) in Fuji haben wir direkt am Fuji-Shi-Rose Theater an einem Seitenausgang diese zwei Shamisen-Spieler entdeckt, die direkt neben dem Gebäude draußen in der Sonne gespielt haben. Man kann sich zwei Minuten lang ansehen und anhören, wie das traditionelle japanische Musikinstrument klingt.

Martin Oetting

Japan-Tournee: Empfang in der Botschaft

Zur 150-Jahr-Feier der diplomatischen Beziehungen zwischen Japan und Deutschland hat die deutsche Botschaft in Tokio gestern, am 23. Oktober 2011, einen Empfang ausgerichtet, zu dem Bundespräsident Wulff geladen hatte. Ehrengast war der japanische Kronprinz. Da wir ja derzeit in Tokio sind, wurde das DSO eingeladen, mit einem kleinen Ensemble einen musikalischen Beitrag zu leisten. “Wir freuen uns sehr über die Gelegenheit, das DSO in diesem Rahmen präsentieren zu können”, sagte mir dazu Alexander Steinbeis, der Orchesterdirektor.

Eine Gruppe mit drei Trompetern, zwei Posaunen und einem Schlagzeuger sowie einigen weiteren Orchestervertretern fuhr direkt im Anschluss an das Konzert in der NHK Hall weiter zur Botschaft – die Fräcke konnten also gleich anbehalten werden. Die Veranstaltung begann mit einer Begrüßungsrede des Bundespräsidenten, danach wurde gemeinsam auf die deutsch-japanische Freundschaft angestoßen, und nach Eröffnung des Buffets spielte schließlich das DSO-Ensemble zwei Tänze von Michael Praetorius zur Verabschiedung des Kronprinzen.

Anbei ein paar Fotos, die Ulrich Schneider freundlicherweise für das Blog zur Verfügung gestellt hat. Der Herr auf dem ersten Bild im Gespräch mit Christian Wulff ist der Botschafter, rechts sieht man den Kronprinzen.

Martin Oetting